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Geschrieben von: Barbara Feldbauer   

„Wenn doch nur wieder alles so wäre wie früher, Till,“ flüsterte Johanna und zog ihren kleinen Bruder noch dichter an sich.
Gerade war es unten still, völlig still. Kein Geräusch drang zu den lauschenden Kindern.
„Was sie wohl gerade machen,“ fragte Till. „Meinst Du sie schmücken immer noch den Weihnachtsbaum?“
Johanna griff über ihren Bruder hinweg zum Schalter der Nachtischlampe, und schon erhellte der beruhigende, rötliche Schein ihr Zimmer. „Bestimmt,“ antwortete sie. „Morgen ist doch Weihnachten, und da muss alles schön sein, vor allem der Weihnachtsbaum.“ Sie versuchte mit einem zuversichtlichen Lächeln ihre eigene Hilflosigkeit und Angst zu überspielen. „Weißt Du noch wie wunderschön unser Baum im letzten Jahr aussah?“ 
„Ja“, Till schluckte schwer und sah plötzlich noch trauriger aus. „Aber da war auch sonst alles anders.“ Eine kleine Träne rollte über seine Wange.
Johanna beugte sich liebevoll zu ihm. „Wirst schon sehen, morgen streiten sie nicht. Morgen ist alles wie früher.“
„An Weihnachten kann man sich auch gar nicht streiten,“ sagte Till plötzlich  mit einem zufriedenen Lächeln, „da ist nämlich das Christkind geboren, und wenn an Weihnachten jemand streitet, dann ist es ganz traurig.“
Johanna lächelte matt. „Schlaf jetzt, sonst bist Du morgen zu müde. Wir dürfen doch wieder ganz lange aufbleiben.“
Gehorsam schloss Till die Augen und schon kurze Zeit später verrieten seine regelmäßigen Atemzüge, dass er eingeschlafen war.
Johanna konnte nicht schlafen. Ihr Arm schmerzte, aber sie traute sich nicht ihn unter Tills Kopf hervorzuziehen. Er sollte nicht aufwachen. Till war erst sechs Jahre alt und die letzten Wochen hatten ihn sehr mitgenommen. Fast jeden Abend stritten die Eltern und der Lärm kroch beklemmend bis in die Winkel ihres Zimmers. Seine Fingernägel waren so weit heruntergekaut, dass sie immer wieder bluteten und er konnte nur einschlafen, wenn er ins Bett seiner Schwester kommen durfte. Johanna drehte sich vorsichtig zur Seite und versuchte den Arm ein Stück unter Tills Kopf hervorzuziehen. Er seufzte und sofort stoppte Johanna in der Bewegung.
Sie war jetzt elf. Fünf Jahre älter als ihr kleiner Bruder und schon solange sie zurück denken konnte, hatte sie sich für ihn verantwortlich gefühlt. Besonders aber in den letzten Wochen, als die Streitereien ihrer Eltern immer schlimmer geworden waren. Irgendwie hatte ihnen die Krise jegliche Energie genommen, sich um ihre Kinder zu kümmern. Ihre Mutter schrie bei der kleinsten Kleinigkeit herum oder sie war traurig, an manchen Tagen weinte sie nur.
Ihr Vater arbeitete so lange wie möglich, und wenn er dann zuhause war, gab es wieder Streit.
Johanna seufzte auf. Wann war es das letzte Mal schön gewesen, so richtig friedlich? Sie grübelte, doch bekümmert stellte sie fest, dass sie sich nicht erinnern konnte. Aber am letzten Weihnachtsfest, das wusste sie ganz sicher, da waren sie alle noch glücklich gewesen. Mama hatte fröhlich in der Küche ihren berühmten, leckeren Hasenbraten vorbereitet, dessen Rezept sie noch nicht einmal ihren besten Freundinnen verriet und den es immer nur zu Weihnachten gab. Papa hatte erst mit ihnen im Garten eine Schneeballschlacht gemacht und dann waren sie alle bei Mama in der Küche gesessen. Die Eltern hatte Glühwein und Till und sie einen heißen Kinderpunsch getrunken, den Papa mit vielen Erklärungen und lustigen Witzen aus verschiedenen Zutaten zusammengebraut hatte.
„Das wird ein Zaubertrank, der verhindert, dass ihr heute Abend müde werdet,“ hatte er lachend geprahlt, „außerdem verleiht er große Kräfte und eine unverwüstliche Gesundheit.“
Er ließ Till beim Armdrücken gewinnen, und verlangte danach unbedingt auch eine große Tasse dieses Wundergetränks zu bekommen. Johanna hatte vor lauter Lachen fast die Hälfte des Punsches verschüttet, aber niemand schimpfte.

Am nächsten Morgen wurde Johanna unsanft aus dem Schlaf gerissen. Till rüttelte aufgeregt an ihrer Schulter. „Los, Johanna, aufstehen! Wir haben viel zu lange geschlafen. Draußen ist es schon ganz hell!“
Sofort war Johanna hellwach. Wirklich, Till hatte recht, taghell und das im Dezember. Sie schaute auf ihren Wecker. „Mensch, es ist schon viertel nach zehn! Schnell Till, ab ins Bad, Zähneputzen. Papa und Mama warten bestimmt schon mit dem Frühstück!“
Till strahlte. Das Weihnachtsfrühstück war jedes Jahr der fröhliche Auftakt zu einem herrlichen, aufregenden, unvergesslichen Tag gewesen.
Der liebevoll, mit von den Kindern selbstgebastelten Weihnachtsfiguren, geschmückte Tisch bot eine Vielzahl besonderer Leckereien. Lachs für Papa, Krabbensalat für Mama, geräucherte Gänsebrust für Johanna, nur Till bestand wie an jedem normalen Morgen auf sein Nutella. Er weigerte sich strikt und sehr vehement etwas anderes zu essen. Gemütlich planten sie den Tag, versuchten sich gegenseitig Hinweise auf die Geschenke abzuluchsen und alberten herum.
Sorgfältig versuchte Johanna die widerborstigen Haare ihres Bruders zu glätten. Sie lachte als sie in sein grimmig verzogenes Gesicht schaute. „Nun geh schon,“ sagte sie und strubbelte zärtlich durch seinen blonden Schopf. „Das wird sowieso nichts. Brav siehst du mit diesen Haaren nie aus!“
Mit flinken, geübten Händen flocht Johanna ihre Haare zu einem ordentlichen Zopf, ignorierte den ungeduldig herumhüpfenden Till und rieb noch schnell mit einem Lappen das Waschbecken blank. Heute sollte sich Mama wirklich über gar nichts ärgern müssen. „So,“ zufrieden sah sie sich um, „alles ordentlich, jetzt können wir gehen.“
Till rannte die Treppe hinab. Ungestüm riss er die Küchentüre auf und blieb wie angewurzelt stehen. „Aber Mama,“ stammelte er, „wo ist das Frühstück?“ Schnell trat Johanna hinter ihren Bruder. Da stand ihre Mutter an der Spüle. Blass, die blonden Haare strähnig und ungekämmt, mit tiefen dunklen Ringen unter den Augen. Der Küchentisch war leer.
„Zuerst doch mal Guten Morgen, junger Mann,“ sagte sie gereizt und wischte weiter mit einem Lappen auf der Arbeitsplatte herum. „Setzt euch an den Tisch! Was wollt ihr denn haben?“
Schnell schob Johanna Till zur Seite. „Laß nur Mama, ich mach das. Hast Du schon gefrühstückt?“
„Ich hatte keinen Hunger,“ antwortete ihre Mutter knapp.
„Wo ist Papa,“ fragte Johanna vorsichtig.
„Der ist noch mal weggefahren, irgendetwas besorgen.“ In der Stimme ihrer Mutter lag eine deutliche Warnung, das Thema besser nicht zu vertiefen.
In gedrücktem Schweigen saßen Till und Johanna am Frühstückstisch.
„Was machen wir denn heute,“ fragte Till, der die Stimmung nicht mehr länger aushielt.
„Fragt euren Vater, wenn er wieder nach Hause kommt. Ich muss ja Kochen.“
Sanft fasste Johanna nach der kleinen Hand ihres Bruders, die zur Faust verkrampft auf dem Tisch lag. „Komm Till, wir gehen hoch und spielen Karten. Was meinst Du? Dein Lieblingsquartett, das mit den Rennautos! Oder kann ich Dir helfen, Mama?“
„Nein, nein, geht nur. Das Kochen ist ja nun mal meine Aufgabe! Aber jeder sucht sich sein Leben eben selbst aus.“ Der resignierte Gesichtsausdruck grub tiefe Falten um den Mund ihrer Mutter.
Schnell zog Johanna Till hinter sich her. Nur raus hier! Ihr kleiner Bruder kämpfte mit seinen Tränen und es tat so weh, sein bekümmertes Gesicht zu sehen.
Gerade als sie die Treppe hinauf wollten, hörten sie einen Schlüssel in der Haustüre. Ruckartig hob Till den Kopf. „Papa, Papa,“ er lief zur Türe und umarmte seinen Vater. „Gehen wir raus spielen?“
Johanna war an der Treppe stehen geblieben. Ihr Herz zog sich zusammen. Angestrengt sah ihr Vater seinen Sohn an. „Jetzt nicht, Till. Ich muss noch ganz viel vorbereiten. Du weißt doch, das Christkind kommt heute und da haben die Eltern immer ganz viel zu tun.“
„Aber sonst haben wir doch auch immer gespielt,“ antwortete Till und sah seinen Vater verzweifelt an. „Immer!“
„Heute geht es aber nicht.“ Ihrem Vater bereitete es sichtliche Mühe eine ruhige Antwort zu geben. „Spiel mit deiner Schwester. Vielleicht habe ich ja heute Nachmittag Zeit, wenn alles fertig ist.“
Johanna merkte wie zu ihrer Traurigkeit ein ganz neues Gefühl hinzu kam. Wut! Mit einem Schwall breitete sie sich in ihr aus. Wie konnten ihre Eltern Till nur so enttäuschen. Er war doch noch so klein! Fest presste sie ihre Lippen aufeinander. Nein, sie würde jetzt nichts sagen. Sie konnte sich zusammenreißen. Sie würde nicht auch noch auf dem Weihnachtsfest ihres Bruders herumtrampeln!
„Komm, Till,“ sie versuchte ihre Stimme freundlich klingen zu lassen, merkte aber, wie schwer es ihr fiel. „Komm, wir gehen jetzt spielen. Bestimmt hat Papa später noch Zeit.“ Gerade sah sie ihrem Vater in die Augen. Hatte er den Hinweis verstanden?
Sie nahm Tills Hand und zog den widerstrebenden Jungen hinter sich die Treppe hinauf.
Der Tag verging in zäher Langsamkeit. Weder Johanna noch Till hatten wirklich Lust zu spielen und irgendwie wollte Johanna heute nichts einfallen, mit dem sie ihren kleinen, traurigen Bruder von seinem Kummer ablenken konnte.
Immer wieder sah Johanna zur Uhr. Was sollten sie nur bis fünf Uhr anfangen. Erst dann gab es die Bescherung, und allein der Gedanke daran, verursachte ihr ein Gefühl völliger Hilflosigkeit. Wo war die tiefe Freude, die Aufgeregtheit, die sie sonst bei dem Gedanken an den herrlich glänzenden Baum und die schön verpackten Geschenke verspürt hatte.
Wie, wie nur sollten sie den Abend hinter sich bringen. Sie streifte mit einem Blick ihren Bruder, der auf einem Blatt Papier mit verschiedenen Buntstiften Linien zog. Wie um alles in der Welt konnte es für ihn ein schönes Weihnachtsfest werden?

Als sie dann endlich das Glöckchen hörten, was die Kinder wie jedes Jahr zu Bescherung rief, hatte Johanna das Gefühl als wäre ihr Brustkorb einfach zu eng um genügend Luft zu bekommen. Die Rippen schienen sich mit aller Macht nach außen dehnen zu wollen, und der drückende Schmerz, der sich in den letzten Stunden immer mehr in ihr ausgebreitet hatte, nahm noch weiter zu.
„Was hast Du,“ fragte Till und sah mir sorgenvollem Gesicht zu ihr auf. Und wieder gab er ihr die Kraft so zu tun, als sei alles in Ordnung.
„Nichts Süßer,“ versuchte sie besonders flapsig zu antworten. „Bist du aufgeregt?“
Till schüttelte den Kopf. „Irgendwie nicht,“ sagte er. „Komisch eigentlich, wo ich mir doch so unbedingt das rote Fahrrad gewünscht habe.“
„Wo bleibt ihr denn, Kinder“ rief ihre Mutter von unten.
„Mensch kommt jetzt endlich, ich bin schon so gespannt was ich von euch bekomme,“ ergänzte ihr Vater.
„Oh Johanna, ich glaube sie haben gute Laune.“ Erleichtert und trotzdem fragend sah Till seine Schwester an.
„Klar doch, du weißt ja, das Christkind mag keinen Streit auch nicht von Erwachsenen.“
Am Fuße der Treppe standen die Eltern. Beide lächelten, aber Johanna sah sofort, dass das Lächeln nicht ihre Augen erreichte.
Ängstlich sah Till erst die Eltern dann Johanna an. Sie nickte leicht und drückte seine Hand.
Langsam öffnete der Vater die Türe zu Wohnzimmer und der strahlende Glanz des Baumes, die flackernden Kerzen, die glitzernden Kugeln zauberten ein helles Leuchten auf die beiden Kindergesichter. Johanna war überwältigt von ihren Gefühlen. Plötzlich musste sie mit den Tränen kämpfen. Es sah alles so wunderschön aus. Unzählige, aufwendig verpackte Geschenke waren unter dem Baum verteilt. Und deutlich sichtbar, mit vielen bunten Schleifen verziert stand etwas seitlich das rote Fahrrad, Tills größter Wunsch!
Mit einem Jubelruf stürzte der kleine Junge ins Zimmer. Verstohlen wischte Johanna mit einer Hand über ihre Augen. Wie sehr freute sie sich für ihn.
Doch schon kurze Zeit und nur ein paar ausgepackte Geschenke später wusste Johanna nicht mehr, wie sie noch viel länger ihren Eltern und Till eine nicht vorhandene Freude vorspielen sollte. Inmitten der vielen bunten Päckchen fühlte sie sich völlig leer. Wie hohl und verlogen doch alles war. Ihre Eltern lächelten, taten als wären sie lustig und gut gelaunt, doch vermieden sie peinlich miteinander zu sprechen. Sie sahen sich noch nicht einmal an! Jedem hier im Raum war die Anstrengung anzumerken die Fassade einer glücklichen Familie aufrechtzuerhalten. Selbst Till, inzwischen hinter einem Berg von Geschenkpapier fast nicht mehr zu sehen, war von Minute zu Minute und von Geschenk zu Geschenk stiller geworden. Gerade packte er ein Geschenk aus, sah es kurz an und legte es auf die Seite zu den anderen.

Das Abendessen, verlief in gedrücktem Schweigen. Johanna versuchte mit Till über seine Geschenke zu sprechen, aber er gab nur einsilbige Antworten.
„Na was meint ihr, Kinder, ist dieser Hasenbraten nicht der beste, den es gibt,“ fragte ihr Vater betont fröhlich und nahm sich noch einen Löffel Spätzle. „Gib mir doch bitte mal die Preiselbeeren rüber, Till. Kochen kann eure Mutter ja wirklich.“
Johanna zuckte zusammen und sah erschrocken ihre Mutter an. `Bitte, bitte nicht,´ flehte sie in Gedanken. `Bitte keinen Streit!´
Langsam stand ihre Mutter auf und schob den Stuhl zurück. Sie schluchzte auf und schlug ihre Hand vor den Mund. „Ich weiß, dass du in mir nur mehr die Köchen und Putzfrau siehst,“ schleuderte sie ihm wütend entgegen.
„Reiß dich zusammen, einmal nur,“ entgegnete ihr Mann mit schneidender Stimme. „Ich habe nur dein Essen gelobt, sonst nichts!“
„Aber Johanna,“ flüsterte Till entsetzt seiner Schwester zu, „das Christkind, es wird doch ganz traurig wenn es das hört!“
Johanna zögerte nur kurz. „Bitte,“ sagte sie entschlossen und sah ihre Eltern an. „Bitte wartet. Wir wollen das alles nicht mehr hören. Wir gehen ins Bett.“ Schnell  schob sie Till aus dem Wohnzimmer und zog die Türe hinter sich zu.
„Jetzt hast Du mit deinem hysterischen Herumgekeife den Kindern das Fest verdorben,“ brüllte ihr Vater.
„Ach und du,“ schrie ihre Mutter, „du warst ja so toll. Eine wahre Stimmungskanone. Du hast mich den ganzen Abend keines Blickes gewürdigt.“
„Wer will dich denn noch anschauen! Das ist mir schon längst vergangen.“ Ein lautes Poltern folgte.
Johanna schloss die Türe ihres Zimmers und drehte sich langsam zu Till um.
Er stand regungslos, die Schulter hochgezogen und dicke Tränen liefen über seine Wangen.
„Ach Johanna,“ er lief zu ihr und schlang ganz fest die Arme um seine Schwester, „wenn es doch nur aufhören würde. Wenn es doch nur aufhören würde!“

 
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