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Anna und Carl PDF Drucken E-Mail
Geschrieben von: Barbara Feldbauer   

Anna und Carl sind Gänse. Aber nicht irgendwelche, nein, es sind unsere.
Gänse sind ja eigentlich recht ansehnliche, hübsche Tiere und man kann so einiges mit ihnen anfangen. Ihr Inneres schenkt uns die Möglichkeit zu vielen phantasievollen Füllungen, schmackhaft und kross gebraten stärken sie den Koch und seine Gäste, ihre Leber lässt sich auf diverse Variationen zu ungeahnten Gaumenfreuden zubereiten und selbst ihr Fett als Gänseschmalz, möglichst mit einigen Fleischstückchen angereichert, findet begeisterte Abnehmer.
Diese wundervollen Möglichkeiten sind allerdings strikt auf alle anderen Gänse beschränkt, nur nicht auf Anna und Carl.
Motiviert durch ein tiefes Gefühl von Mitleid, entstanden bei dem Besuch eines Viehmarkts, wurden aus einem mit kleinen, fast nackten Küken vollgestopften Korb, zwei  zarte Exemplare vor dem sicheren Tod, aus den oben aufgeführten Gründen, errettet.
Dieses Mitleid hat sich seitdem bitter gerächt!
In  den ersten Wochen beschränkten sich Anna und Carl lediglich auf das gründliche Beschmutzen aller verfügbaren Hofflächen, so dass sich notwendige Säuberungsaktionen um unzählige Stunden, dafür aber an der frischen Luft, verlängerten.
Wie sich ihr Gewicht und  ihre Größe entwickelte, ihre Federn dichter und weißer wurden, stieg auch ihr Selbstbewusstsein und ihr Drang nach einer sinnvollen Aufgabe.
Diese fanden sie in der Bewachung des Grundstückes gegen jegliche, in friedlicher Absicht erscheinende Besucher. Ihr Willkommensgruß erschütterte die wohltuende Stille unseres kleinen bayerischen Dorfes unzählige Male am Tag nachhaltig.
Mit dem sprunghaften Abnehmen der Besucherzahlen, die sich außerstande sahen, einen kurzen Plausch mit uns durch zerrissene Kleidung, blaue Flecken und weinende Kinder erkämpfen zu müssen, erweiterten Anna und Carl ihren Aufgabenbereich sehr selbstständig auf die Bewohner des Hofes, ihre Retter, sowie aller weiteren vierbeinigen Lebensgenossen.
Durch die Notwendigkeit, ständig in einer Hand einen der Verteidigung dienenden Gegenstand mit sich führen zu müssen, und dem unablässigen Beobachten der näheren Umgebung nach dem genauen Aufenthaltsort von Anna und Carl, hat die Pflege des Gartens seine entspannende Komponente eingebüßt. Selbst bei herrlichem Wetter scheint der Hof oft menschenleer und ausgestorben in der Sonne zu liegen.
Die bislang fröhlichen, mutigen Hunde zeigten recht schnell einschneidende Veränderungen ihrer Lebensgewohnheiten. Zu nervösem Zusammenzucken beim Schrei der Gänse kam eine strikte Verweigerung, ihre Spielzeit auf den großzügigen Rasenflächen abzuhalten. Somit ist unser Haus ein Ort fröhlichen Hundegebells geworden, rettende Seitensprünge vor den herzig tollenden Hunden halten auch uns Bewohner fit und sorgen für den notwendigen Ausgleich, für die fehlende Bewegung außerhalb der schützenden Mauern.
Manchmal führt der Blick aus dem Fenster auf den einsam und vernachlässigt liegenden Garten, durch den Anna und Carl mit stolz geschwellter Brust ihre Runden drehen, zu seltsamen, nicht unbedingt tierfreundlichen Tagträumen.
Wir sehen uns nachts in ihren Stall schleichen! Am Ende dieses wundervollen Traumes ziehen wir eine riesige Bratenreine aus unserem Backoffen, herrlich steigert der Duft unsere Vorfreude auf den zu erwartenden Genuss, der Hausherr greift zum Tranchiermesser... und entsetzt sehen wir erst uns, dann unsere wunderschönen, glücklichen Gänse an!

 
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